
Wie frisch polierte Spiegel glänzen die Backsteine im Lichte der Straßenlaternen, wenn sie vom Regen nass sind, dachte er sich, während er sich vergewisserte, ob er heute seine festen Schuhe trug, wie es viele Männer tun, wenn sie im Laufe des Tages vergessen, welche Kleidungstücke sie tragen. Er sah nach seinen Füßen und freute sich, wohl meinend, sich in weiser Voraussicht so gekleidet zu haben.
Das Wasser erkämpfte sich seinen Weg zwischen den Backsteinen, bis es endlich in einer der vielen Pfützen, die schon zu kleinen Seen geworden waren, mündete. Indem er sich diesem Schauspiel widmete, vergaß er, was er eigentlich tun wollte und war glücklich darüber. In jener Stadt, die ihm die Welt bedeutete. Wie er sie liebte! Trotz des Regens, oder gerade wegen des Regens.
Die Stadt hatte etwas Tragisch-Schönes und etwas Wehmütig-Verführerisches an sich. Als Melancholiker war man hier sicher gut aufgehoben. Die einbrechende Dunkelheit entsättigte nach und nach die Farben, bis sie nur noch in seiner Erinnerung existierten. Schwarz-weiß steht ihr ohnehin am besten, murmelte er.
Er war so mit seinen Gedanken beschäftigt, dass er erst jetzt bemerkte, dass er alleine auf der Straße war. Allein mit den Backsteinen, den Laternen und dem Regen. Gemeinsam verschmolzen sie zu einem expressionistischen Bild, wie es van Gogh nicht schöner hätte in Szene setzen können. Dieser Anblick versetzte ihm einen so starken, aber angenehmen Stich, der ihm ein paar Tränen aus den Augen drückte, die der Regen sogleich verschluckte. Das Bild, dass sich ihm offenbarte, fesselte ihn an Ort und Stelle, mitten an die Straße. In diesem Moment war er ganz allein auf dieser Welt, und es war gut so.
Langsam schob sich etwas in das perfekte Gemälde. Er konnte einen Regenschirm ausmachen und hielt die Luft an. Der Regenschirm kam näher und ein weißes Gesicht wurde darunter offenbar. Unaufhaltsam näherte sich ihm dieses Gesicht. Als er es genauer erkennen konnte, überkam ihn ein schrecklicher Schauer. Am liebsten wäre er weggelaufen, aber seine Beine waren wie festgefroren. Noch ein paar Meter, dann hat es mich! In diesem Moment war er sich sicher, dass er niemals etwas Hässlicheres gesehen hatte.
Er war sich im Klaren, dass er keine andere Wahl hatte, als über sich ergehen zu lassen, was auch immer jetzt kommen möge. Seine Angst hatte ihn in eine Starre versetzt, durch die man sie ihm nicht ansehen konnte. Das war vielleicht von Vorteil. Als das Gesicht vorbeihuschte, streichelte ihn ein eiskalter Hauch, der ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Es sah ihn an. Sah ihm direkt in die Augen. Die abgrundtiefsten Schrecken sahen direkt in ihn hinein. Er konnte nicht wegsehen, nicht widerstehen. Nachdem das Leben in seine Glieder zurückgekehrt war, wagte er es kaum, sich zu bewegen. Erleichtert stellte er fest, dass er wieder alleine war.
(L’viv 2012)
