
In unseren frühen Dreißigern waren wir öfter bei Patrick, einem reichen Deutschen, im Gartenhaus eingeladen. Eigentlich wussten wir praktisch nichts über ihn. Er bemühte sich auch, möglichst wenig Information über seine Person preiszugeben.
Wir waren fast immer dieselben zehn Leute, betranken uns und fühlten uns wie Anfang zwanzig. Igor, unser Russe, rothaarig, bleich und ausgemergelt, war auch immer dabei. Als er mit Anton, einem ehemaligen Schilehrer, dessen frühere Auftrainiertheit sich in eine Aufgeschwämmtheit gewandelt hatte, Wein holen ging, fragte ihn Igor aus heiterem Himmel:
„Wie viele Fickmöglichkeiten hattest du im letzten Jahr?“
„Vier“, erwiderte Anton ohne zu zögern, „und du?“
„Zwei. Wie viele davon hast du genutzt?“
„Drei. Und du?“
„Keine.“
Anton, der sich gern als Frauenheld bezeichnete (es aber auch in seinen Schilehrertagen niemals war), wusste nicht, was er sagen sollte. Deshalb schwiegen sie beide, bis sie zurück waren.
„Wir haben über Fickmöglichkeiten gesprochen“, warf Igor seelenruhig in die Runde. Woher er dieses Wort wohl hatte. Natürlich war sein Satz ohne Kontext Opfer von Missinterpretation und ein breites Gelächter zog sich wellenartig durch den Raum. „Warum willst du das denn eigentlich wissen? Möchtest du eine Statistik über uns erstellen?“, grunzte Philipp. Igor, der immer ganz ernst blieb, schwieg zuerst, sagte dann: „Interesse“.
Reihum nannte nun jeder eine Zahl zwischen eins und fünf, nur Sophie enthielt sich einer Antwort. Gert nannte sie in ihrer Abwesenheit verächtlich „Lesbe“ – nicht, weil sie tatsächlich eine war, sondern weil er einen Stand auf Sophie hatte. Er wusste auch genau, dass sie ihn nicht ausstehen konnte.
Patrick, der den ganzen Abend erstaunlich ruhig gewesen war, erhob sich plötzlich. Die obligatorische Ansprache. Danke für euer Kommen, trinkt, was ihr wollt, fühlt euch wie zu Hause etc. Heute bestand die Ansprache jedoch nur aus einem einzigen Satz:
„Ich bin schwul“.
Schweigen. Die eine Hälfte der Gäste (vor allem die Damen, die dem Gastgeber wegen seiner Eleganz besonders zugetan waren) dachte, dass das ein Scherz sei. Die andere Hälfte würde später behaupten, es sowieso schon immer gewusst zu haben.
Schweigen.
Einer lachte.
Max lachte.
Max lachte nicht, weil er etwas gegen Schwule hatte, nein, er musste jedes Mal lachen, wenn es ungehörig war, bei Begräbnissen, beim Arzt. Mit einer entschuldigenden Geste verschwand er aufs Klo. Patricks ernster Blick schweifte durch die Runde.
„Es ist wahr, ich wollte, dass ihr das wisst.“
Der Blick der Gäste wandte sich unwillkürlich in Richtung Igor, der sich immer besonders homophob gab. Wie würde er wohl reagieren? „Was seht ihr mich so an?“, fragte er mit seiner kühlen Art, die plötzlich gar nicht mehr so kühl wirkte. Das war der Moment, da wir es erkannten; das war der Moment für Igor, es Patrick gleichzutun.
Aber er tat es nicht. Stattdessen stand er auf und mit den Worten: „Ihr widert mich an!“ verließ er das Haus. Wir haben ihn nie wieder gesehen, auch nicht zufällig irgendwo.
Langsam kam wieder Stimmung in die Bude. Die Frauen gratulierten Patrick zu seinem Mut. Die Männer warfen ihm ein anerkennendes Nicken zu. Munter wurde bis in die frühen Morgenstunden weiter gesoffen.
