
Vor Kurzem wurde mir durch meine gute Freundin Ria bekannt gegeben, dass er eine neue Flamme habe. Sie sei lieb und intelligent. Darüber hinaus habe sie eine starke sexuelle Ausstrahlung, ohne jedoch „schön“ zu sein. Man muss aber dazu sagen, dass meine gute Freundin Ria gerne ein bisschen übertreibt und vom weiblichen Geschlecht generell nichts hält. Genauso wenig, wie vom männlichen übrigens.
Mich hat sie im Laufe der Zeit gelernt zu tolerieren, vielleicht sogar zu mögen. Wir wohnen seit zwei Jahren zusammen. Die Leute reden zwar viel, glauben, wir wären ein Paar. Wir haben das weder dementiert noch bestätigt. Sollen sie doch glauben, was sie wollen.
Mir ist die Situation auch ganz recht. Ich hatte schon auch richtige Freundinnen, aber das hat einfach nicht funktioniert. So benutzen wir den jeweils anderen als Ausrede fürs Alleinsein. Gemeinsam allein. Gemeinsam einsam. Sogar meine Eltern glauben nicht, dass eine solche emotionale Nähe, wie sie zwischen Ria und mir besteht, ohne Körperlichkeit funktionieren kann.
Dabei muss ich gestehen, dass Ria eine sehr fesche und attraktive Frau ist. Eine gewisse Anziehung übt sie auch auf mich aus.
Bei uns in der Wohnung geht es leger zu. Es kann schon vorkommen, dass wir, Ria und ich, an heißen Tagen in der Unterwäsche vor dem Fernseher sitzen. Manchmal ertappe ich mich dann dabei, dass ich heimlich ihren Körper mustere. Die schönen Bilder, die ich in meinem Gehirn gespeichert habe, werden später allein im Schlafzimmer abgerufen und verarbeitet.
Ria und ich, wir haben schon Sex.
Nur nicht miteinander.
Manchmal sehe ich am Sonntag in der Früh ein fremdes Paar Männerschuhe im Vorhaus. Ich gehe so lange zurück in mein Zimmer, bis ich die Türe höre. Wenn ich meine gute Freundin Ria später im Wohnzimmer treffe, erzählt sie mir alles. Es ist immer das gleiche: Er war ein Trottel, zu behaart, betrunken und schlecht im Bett. Ein bisschen tut es schon weh, dass der haarige, besoffene Trottel etwas haben durfte, was ich nie bekommen werde.
Hin und wieder habe auch ich Erfolg bei den Damen. Im Gegensatz zu mir wartet Ria dann jedoch geschäftig in der Küche, um einen kurzen Blick auf meine Bekanntschaft zu erhaschen. Ich werde dann immer ganz rot im Gesicht und habe das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben.
Wir, Ria und ich, können über alles sprechen. Über alles, außer über uns.
(Graz, 2009)
