
Vor einigen Jahren zeigte mir mein englischer Kumpel Simon ein Buch, das er gerade las. Es hieß The History of Russia. Neugierig schlug ich den dicken Wälzer auf. Erstaunt kam ich zu dem Schluss, dass es sich bei dem Werk eigentlich gar nicht um die Geschichte Russlands, sondern um die der Rus‘ handelte. Dies ist lediglich eine von vielen Situationen, in denen die Bezeichnungen ‚Rus“ und ‚Russland‘ für Verwirrung sorgen — in Russland selbst sowie auch im Ausland. Zum besseren Verständnis ist es nötig, tiefer in die Entwicklungsgeschichte der ostslawischen Völker einzutauchen, die an westlichen Schulen kaum — oder gar nicht — gelehrt wird.
Die Rus‘ — Beginn, Blüte und Ende
Im achten Jahrhundert beginnen skandinavische Händler und Krieger, die sogenannten Waräger, Siedlungen entlang ihres Handelsweges nach Byzantion zu errichten. Nördlich des Schwarzen, östlich des Baltischen Meeres entsteht so ein Reich, das sie Garðariki, das Reich der Burgen, nennen. In ihrem Zentrum befindet sich die altehrwürdige Stadt Holmgardr. Die dort ansässigen Slawen und Balten befinden sich jedoch in ständigem Zwist, dem nur durch Hilfe von Außen beizukommen ist. Im warägischen Edelmanne Rjurik von Ladoga sehen sie einen geeigneten Führer, neutral, da von der anderen Seite des Meeres. So herrschen seit 862 Rjurik und die Seinen von der Stadt Holmgardr aus, die bald unter ihrem slawischen Namen Novgorod bekannt werden sollte.
Südlich von Rjuriks Reich hat sich ein anderer warägischer Fürst breitgemacht, Askold der Fremde, der von seiner jungen Hauptstadt Koenugardr, von den einheimischen Slawen Kyjevŭ genannt, regierte. Oleg, Rjuriks bestem Feldherrn, gelingt es diesem im Jahre 882 Stadt und Leben zu entreißen. So werden die Reiche Novgorod und Kyïv vereint, das Fürstentum der Rus‘ ist geboren. Rjuriks Nachkommen herrschen nun von Kyïv aus, eine ideale Festung mit genialer Lage für den Handel über die unzähligen Flüsse.

Nun sind aber die Rjurikiden von ihrem Mutterlande weit entfernt, bis eines Tages auch bei ihnen das Slawische dominiert. Und so wird im Laufe der Zeit aus Helga – Ol’ga, aus Ingmar – Igor und aus Valdemar – Volodymjer.
Die Rus‘ erreicht ihre Blüte im 10. Jahrhundert. Das Reich wächst und wächst und wächst. Der bedeutendste Kyïver Fürst, Volodymyr, genannt der Große, sucht nach einer Religion, um die Menschen unter seiner Herrschaft unter einem Banner zu einen. Die slawischen Götter gereichen ihm nicht mehr, zu divers ist ihr Pantheon von Haus zu Haus. Deshalb lädt der Fürst der Legende nach Vertreter aller monotheistischen Religionen zu sich ein. Die Lehren der Chasaren scheinen ihm nicht mehr zeitgemäß. Den Islam der Wolgabolgaren lehnt er ab, denn er weiß, seine Untertanen würden ihm ein Verbot von Bier, Wein und Schnaps übelnehmen. Ebenso wenig gefällt es ihm, dem römischen Papst zu folgen, woraufhin er dessen Missionar wieder nach Hause schickt. Am nächsten scheint dem Fürsten die Glaubenslehre von Konstantinopel zu sein, wohl auch, weil er sich selbst schon auf dem byzantinischen Throne sieht. Fortan sollen seine Untertanen dem Ritus der Ostkirche folgen, der Orthodoxie.
Als Dank für die militärische Unterstützung durch die Rus‘ gibt Kaiser Basileios II. dem Fürsten Volodymyr – nach dessen Taufe 988 – seine Schwester Anna zur Frau. Nie zuvor hat ein europäischer Herrscher eine Porphyrogenneta, eine Purpurgeborene, geehelicht. Der nächste Rjurikid, Volodymyrs Sohn Jaroslav, genannt der Weise, lässt in seiner Hauptstadt Klöster, Kirchen, Bibliotheken und Festungsanlagen errichten und verwandelt Kyïv innerhalb weniger Jahrzehnte in ein zweites Byzanz.
Nach ihrer Blütezeit zerfällt die Rus‘ im 12. Jahrhundert allmählich in ihre Einzelteile. Die Teilfürstentümer streben nach Unabhängigkeit. Ein letztes Mal gelingt es Volodymyr Monomach und seinem Sohn Mstislav im 12. Jahrhundert, die fragmentierte Rus‘ unter der Oberherrschaft Kyïvs zu vereinen. Danach beginnt der Glanz zu verblassen, nicht zuletzt wegen der Nähe zum Wilden Feld, der ukrainischen Steppe, von der Nomaden wiederholt Angriffe ausführen, sodass viele Kyïver aus Angst in den Norden fliehen. Gegen Ende des 12. Jahrhunderts bilden sich in der Rus‘ zwei Machtzentren heraus, das Königreich Galizien im Südwesten und Vladimir-Suzdal im Nordosten.

Die Schwächung der Rus‘ von Innen macht es den Tataren der Goldenen Horde einfach, ihre östlichen Fürstentümer zu erstürmen. Wie eine Naturgewalt bricht das wilde Steppenvolk nach Osteuropa vor. Chancenlos steht Kyïv, die einst Prächtige, den Tataren gegenüber, die die Stadt bis auf die Grundmauern niederbrennen und die Bevölkerung massakrieren. Dies geschieht am 6. Dezember 1240, dem Tag, an dem die Rus‘ ihr Ende findet.
Verschiedene Namen — verschiedene Mentalitäten
Hier beginnt die Crux, denn sowohl Galizien als auch Vladimir-Suzdal betonen, die Erben der gesamten Rus‘ zu sein. Aus der ursprünglich byzantinischen Bezeichnung der Rus‘ — Ρωσσία / Rossía — haben sich zwei lateinische Varianten entwickelt: Russia und Ruthenia; die erste setzt sich für die östlichen, die zweite für die westlichen Gebiete durch – allerdings nicht konsequent und nicht ausschließlich. Auf vielen alten Landkarten aus dem 17. und 18. Jahrhundert findet man z. B. die Bezeichnung Russia für die heutige Ukraine und Moskowien (Moscovitica) für das heutige Russland.

Um die Verwirrung perfekt zu machen, kommen noch die mittelalterlichen Bezeichnungen Rotreußen/ Rotruthenien für Galizien sowie Weißruthenien und Schwarzruthenien für Gebiete des heutigen Staates Belarus hinzu. Langsam entwickelt sich in den nächsten Jahrhunderten auch ihre gemeinsame Sprache, das Altostslawische1 — von den Sprechern einfach „Sprache der Rus’“, „gemeine Rede“ oder schlicht „Slawisch“ genannt –, in eine östliche Variante, das spätere Russisch, und eine westliche Variante, das Ruthenische, das später die Grundlage für das Ukrainische und Belarussische bildet.

Im 14. Jahrhundert kommt es in den Nachfolgegebilden der Rus‘ zu gravierenden Veränderungen: Galizien wird als Woiwodschaft Ruthenien in Polen integriert, Wolhynien und Belarus fallen an das Großfürstentum Litauen, während sich im Nordosten das junge Fürstentum Moskau gegen Vladimir-Suzdal behaupten kann. Moskowien kann sich schließlich gegen die Goldene Horde behaupten und sein Gebiet beträchtlich vergrößern. Doch die lange Mongolenherrschaft hat ihre Spuren in der Mentalität der Moskowiter hinterlassen. Die für die damalige Zeit recht fortschrittliche und unabhängige Republik Novgorod wird von Ivan III. von Moskowien annektiert. Das Veče, wie die demokratische Volksversammlung Novgorods genannt wird und das Gegenstück zur Moskauer Autokratie darstellt, wird aufgelöst und die Veče-Glocke, die die Zusammenkünfte eingeläutet haben, symbolisch entfernt. Sein Enkel Ivan IV., zurecht genannt der Schreckliche, wird bald darauf das schier unendliche Land Sibiriens gewaltsam befrieden. Dieser nennt sich von nun an Zar der gesamten Rus‘ (wieder einer) und regiert mit eiserner Faust.
Ganz anders im seit 1569 bestehenden Doppelstaat Polen-Litauen, wo sich im Gegensatz zum moskowitischen Despotismus das komplexe System der Adelsrepublik etabliert. Der König wird von den Adeligen gewählt und hat hauptsächlich eine repräsentative Funktion. Der Adel genießt viele Freiheiten — auf Kosten der ruthenischen Bauern, die es dort trotz allem nicht sehr leicht haben, weshalb einige von ihnen der Republik den Rücken kehren und sich in die Ostgebiete aufmachen, die die Polen Ukraina nennen. Dort schließen sie sich den Zaporoger Kosaken an, einem Volk, das die Freiheit über alles stellt.
Nun stehen sich drei verschiedene Völker mit drei verschiedenen politischen Systemen gegenüber: der moskowitische Despotismus, die polnische Republik und die kosakische Demokratie flacher Hierarchien2. In der Mitte des 17. Jahrhundert machen die Kosaken einen fatalen Fehler: Im Versuch ihren Staat, das Hetmanat, von Polen unabhängig zu machen, verbünden sie sich am 8. Jänner 1654 mit Moskowien. Hier nimmt die russisch-ukrainische Geschichte ihren Anfang. Der Treueeid auf den moskowitischen Zaren wird den Kosaken bald zum Verhängnis, denn im Laufe des nächsten Jahrhunderts fällt ihnen Moskau in den Rücken und beginnt damit, ihre Autonomie Stück für Stück zu beschneiden, bis das Hetmanat schließlich als eigenes Staatsgebilde aufhört zu existieren.
Am 22. Oktober 1721 krönt sich Peter der Große in seiner neuen Hauptstadt Sankt Petersburg selbst zum allrussischen Kaiser und ruft die Gründung des Russischen Kaiserreiches aus. Aus Moskowien wird Russland, die hellenisierte Form Rossija ersetzt die bis dahin gebräuchlichen Begriffe Rus‚ und Moskovia.
Irrungen – Wirrungen
So viel zur Entstehungsgeschichte der ostslawischen Völker. Wie wir gesehen haben, ist die heutige Russländische Föderation bei Weitem nicht die alleinige Erbin der Rus‘. Natürlich ist russkij eine Referenz auf die Rus‘, eine Bezeichnung, die den Ex-Moskowitern die spirituelle Legitimation zur Vorherrschaft über die gesamte Rus‚ geben soll. Ja, und dann kommen diese lästigen Kleinrussen, die behaupten Ukrainer zu sein und vorgeben, eine eigene Sprache zu sprechen, die sich, im Gegensatz zu den Weißrussen, nicht unterordnen wollen!
Da Krieg auch mit Sprache geführt wird, hatte die Ukrainerin Valerija Šachvorostova eine Idee: Um den Spieß umzudrehen, initiierte sie eine Petition mit dem Ziel, in der ukrainischen Sprache Russland (Россія) offiziell in Moskowien (Московія) zurückzubenennen. Die benötigten 25.000 Unterschriften wurden gesammelt, nun wird sie von Präsident Zelenskyj geprüft. Eine tatsächliche Umbenennung des Nachbarlandes ist jedoch unwahrscheinlich. Aus Moskau hagelt es hingegen große Kritik an der Idee der Rückbenennung. Darin, dass dort auch von offizieller Seite oft von Kleinrussland3 und Neurussland4 statt von der Ukraine die Rede ist, wird hingegen keine Doppelmoral gesehen.
Dass die Ukraine Russland den Rus‘-Namen einseitig aberkennt, mag manchen als bloße Augenauswischerei erscheinen – für viele Ukrainer bedeutet dies jedoch eine längst überfällige Wiederherstellung historischer Gerechtigkeit.
Andrej Séjour, 07. Mai 2023
Nachtrag 1: Polen hat bereits verfügt, dass in offiziellen polnischen Dokumenten nicht mehr von Kaliningrad die Rede ist, sondern von Królewiec (dt. Königsberg). Dies ist nämlich der historische polnische Name der Stadt.
Nachtrag 2: Gerade habe ich erfahren, dass auch Litauen darüber nachdenkt, Russland in Moskowien zurückzubenennen, um das „große russische Narrativ“ zu brechen. Der litauische Parlamentarier Raimundas Lopata dazu: „Aus historischer Sicht des Großherzogtums Litauen werden wir nach einer akzeptableren und genaueren Bewertung der historischen Rolle dieses Landes für Litauen und den Westen suchen“. Analog zur polnischen Entscheidung wollen die Litauer Kaliningrad ebenso mit seinem ursprünglichen Namen bezeichnen: Karaliaučiaus.
1 Die gemeinsame Ursprungssprache der ostslawischen Völker, das Altostslawische, wird von Russen generell — und von alten westlichen Russisten manchmal — als Altrussisch bezeichnet. Die erste Phase der modernen russischen Sprache, nachdem sie sich aus dem Altostslawischen herausgebildet hat, heißt ebenfalls, und dieses Mal korrekterweise, das Altrussische.
2 Manche bezeichnen das kosakische System als anarchisch, dafür gab es aber wohl zu viele Regeln und klar definierte, gewählte Führer, die Hetmanen.
3 Alte Bezeichung zuerst des Königreiches Galizien, später des Kosakenhetmanats. Von Μικρὰ Ῥωσία, die „kleine Rus’“, i. e. der Ursprung der Rus‘, ggü. Μεγάλη Ῥωσία, die „große Rus’“, i. e. die Erweiterung der Rus‘. Ab dem 19. Jahrhundert von den Ukrainern als abwertend empfunden, seither wird der Name Ukraine bevorzugt. „Kleinrussland“ wird heute vermehrt in der russischen Propaganda verwendet, mit er Absicht, die Eigenstaatlichkeit der Ukraine zu unterminieren, meist ohne dass sich beide Parteien der historischen Bedeutung bewusst sind.
4 Bezeichnung des von Grigorij Potëmkin nach der Zerschlagung des Krimkhanats und des Kosakenhetmanats in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ausgerufenen russischen Gouvernements, das sogleich kolonisiert und russifiziert wurde. In pro-russischen Kreisen wird der Begriff heute wieder vermehrt verwendet. Die illegitim proklamierten Volksrepubliken Luhans’k und Donec’k haben sich als Föderationsstaat kurzzeitig auch „Neurussland“ genannt.
Weiterführende Links:
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