
Die 1762 durch einen Staatsstreich an die Macht gekommene russische Kaiserin Katharina II. teilt sich bekanntlich das Bett mit zahlreichen Liebhabern. Ihr Favorit unter diesen ist Grigorij Aleksandrovič Potëmkin. Der charismatische Fürst, oft mit Alkibiades1 verglichen, hat durch einen Quacksalber ein Auge verloren, was aber seiner Schönheit nicht abträglich ist; im Gegenteil: Dieser Umstand verleiht ihm eine Aura von Abenteuer und Mysterium.

Wie passend, denn der Schönling ist nicht nur im Bett gut zu gebrauchen, auch als Feldherr ist er sehr tüchtig. Nach der Annexion der kosakischen Ukraine (1775) und der tatarischen Krim (1783) führt er als Gouverneur eine großangelegte Kolonisierung und Russifizierung der neuerworbenen Gebiete durch. Nach Tradition der großen Kolonialmächte wird die Kolonie kurzerhand „Neurussland“ genannt. Mehrere Städte werden angelegt, darunter Ekaterinoslav, Odessa, Aleksandrovsk, Nikolajev2, Cherson, Sevastopol, Simferopol, Mariupol und Tiraspol. Dass Letztere eine bewusst griechische Note versprühen, ist kein Zufall, denn Katharina — nunmehr nicht nur ob ihrer Leibesfülle „die Große“ genannt — ist daran gelegen, eine angenommene Kontinuität der Russen zu den alten Griechen hervorzuheben. Das Re-Branding der Krim als „Taurien“3 hat dagegen wenig Erfolg4.
Potëmkins Kolonisierung klingt vielversprechend, „Neurussland“, das unter den russischen Adeligen aufgeteilt wird, soll bald zu einem der entwickeltesten Teile des Reiches werden. Deutsche, griechische und südslawische Siedler werden eingeladen, beim Aufbau der Region mitzuwirken.
Wie dem auch sei, wir alle kennen den Namen Potëmkin als ein geflügeltes Wort: Potëmkinsche Dörfer — die absichtliche Vorspiegelung falscher Tatsachen. Katharina soll sich 1787 nach „Neurussland“ aufgemacht haben, um sich selbst von den Fortschritten der Kolonisierung zu überzeugen. Durch das Gemetzel, die Zerstörung, das Massaker, das ihr Generalissimo Suvorov beim Angriff auf die Ukraine angerichtet hat, sind die neuen Gebiete jedoch noch nicht „präsentabel“. Zum Glück hat Gouverneur Potëmkin einen genialen Einfall: Um seiner ehemaligen Geliebten die Zerstörung, die die Russen in ihrem Namen angerichtet haben, zu ersparen, lässt er entlang des Weges Kulissen und Pappfassaden aufstellen, die den Eindruck neu erbauter Dörfer erwecken sollen. Die Kaiserin wird zwischen diesen hindurchgefahren, bevor die Atrappen abgebaut und andernorts wieder errichtet werden.
Bei der ganzen Geschichte handelt es sich nachweislich um eine Legende, in die Welt gesetzt von Potëmkins Gegnern am Zarenhof, die ihm seinen Einfluss auf die deutsche Zarin missgönnten. Tragisch, dass der für das Russland des 18. Jahrhunderts so wichtige Feldherr vorwiegend wegen einer großangelegten Täuschungsaktion erinnert wird, die nicht einmal stattgefunden hat! (Getäuscht wurde die Kaiserin nichtsdestotrotz, da ihr der Gouverneur viele Dörfer gezeigt hatte, die nicht von ihm errichtet worden waren, sondern von vertriebenen Kosaken zurückgelassen werden mussten.)
Auch wenn Potëmkin keine Potëmkinschen Dörfer errichten ließ, heißt dies nicht, dass sich nicht andere diese Legende zum Vorbild genommen hätten. Besonders gerne bedienen sich Autokraten dieser Täuschungsmethode, um ihrem Volk eine heile Welt vorzuspielen. Einer davon, der gleichzeitig ein vokaler Bewunderer des „großen Russen“ Potëmkin ist, ist der derzeitige russische Diktator. Daher wird es kaum überraschen, dass dieser den Begriff „Neurussland“ neuerdings immer wieder in den Mund nimmt — ein Gebiet, auf dem seiner Meinung nach ohnehin nur ver(w)irrte Russen leben, die es zu befreien gilt.

Im Zuge des russischen Überfalls auf die Ukraine kommt es zur mehrmonatigen Belagerung der Stadt Mariupol. Katharina hatte Suvorov für die Drecksarbeit, Putin hat Generaloberst Mizincev. Eines der bisher größten unter den unzähligen Kriegsverbrechen der Russen gegen die Ukraine trägt sich am 16. März 2022 zu, als das Mariupoler Dramatheater, in dem hauptsächlich Frauen und Kinder Zuflucht gefunden haben, bombardiert wird — und dies, obwohl sie mit Kreide in großen kyrillischen Lettern deti, Kinder, auf den Vorplatz geshrieben haben.

Mindestens 300 Menschen kommen dabei ums Leben. Die Leichen, die geborgen werden können, werden anonym in einem Massengrab bei Manhuš im Osten der Stadt „entsorgt“. Es gelingt Mizincev sogar, sein historisches Gegenstück in den Schatten zu stellen.

Als Mariupol Ende Mai 2022 von den Russen eingenommen wird, liegt die gesamte Stadt in Schutt und Asche. Nun sieht sich die russische Führung mit dem größten aller Dilemmata konfrontiert. Unangenehme Fragen verlangen nach einer Antwort: Wieso musste man eine Stadt dem Erdboden gleichmachen und ihre Bewohner massakrieren, wenn dort doch alle auf die russische Befreiung gewartet haben sollen? So schnell wie möglich ist man bestrebt, den Zweiflern zu Hause entgegenzukommen, bevor der Riss im Narrativ zu groß wird. Das Dramatheater wird mit einer Potëmkinschen Fassade umgeben, geschmückt mit den Porträts von Puškin, Tolstoj und Gogol‘. Dünn nur legt sich der Schleier der russischen Kultur über die russischen Verbrechen, lediglich einen Steinwurf entfernt von jenen Orten, an denen sich die Legende zugetragen haben soll. Billige Wohnblöcke werden aus dem Boden gestampft (die alten sind rasch mitsamt den Leichen abgerissen worden), um dem russischen Staatsfernsehen die neue Errungenschaft zu präsentieren. Erleichtert atmet das Volk Moskaus und Petersburgs vor ihren Fernsehgeräten auf, bestärkt im Glauben, auf der richtigen Seite der Geschichte zu sitzen.

Grigorij Aleksandrovič Potëmkin starb am 16. Oktober 1791 an Malaria in seinem geliebten „Neurussland“. Er wurde in Cherson bestattet. Als es den Ukrainischen Streitkräften Anfang September 2022 gelingt, Cherson von den russischen Besatzern zu befreien, können jene als letzten Akt noch die Gebeine und eine Bronzestatue des Fürsten über den Fluss Dnipro „in Sicherheit“ bringen.
In der Zwischenzeit wird das Mariupoler Dramatheaters neu aufgebaut. Es soll Ende 2024 fertiggestellt werden. Trotz vieler Zugeständnisse ist aber niemand Willens, aus dem Mutterlande in die Stadt umzuziehen, die nunmehr das Prädikat „lebensunwert“ trägt.
Andrej Séjour, 25. April 2023
Anmerkungen:
1 Antiker Athener Staatsmann, Redner und Feldherr
2 Ekaterinoslav = Dnipro, Aleksandrovsk = Zaporižžja, Nikolajev = Mykolajiv
3 Der antike griechische Name der Halbinsel war Tauris.
4 „Qırım“ erinnert nur noch schwach an jenes Volk, das der Halbinsel ihren Namen gab; heute existiert es kaum noch. Auch hierfür hatte Potëmkin die Grundlagen gelegt.
Weiterführende Links:
Potemkin Village in Mariupol: Pushkin becomes Putin
Why Russia stole Potemkins Bones from Ukraine
В Маріуполі росіяни прикрили ширмою театр, в якому вони вбили сотні цивільних
Russia, known for Potemkin villages, is now ‘a garden of fig leaves,’ Yerofeyev says

